#1

Wer hat noch einen Überblick über die Bundesprogramme?

in Fachpolitik 09.07.2015 17:39
von Detlef Diskowski • 27 Beiträge

Das BMFSFJ ist außerordentlich rührig in der Entwicklung von Programmen und nimmt dafür auch ziemlich viel Geld in die Hand. Sicherlich wäre das Feld ohne die Initiativen des Bundes sehr viel ärmer.
Wer sich einen Überblick verschaffen will, welche Vorhaben da angeleiert werden, der wird hier fündig: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Kinder-und-J...rbetreuung.html
Die neuesten Programme "Betreuungszeiten" (in der Presse auch "24-Std-Kita" genannt), die Fortsetzung/Umbau der Programme "Förderung von Betriebskitas", "Anschwung", Kindertagespflege und die 4000-Sprachförderkitas sind da noch nicht einmal genannt. Hier wird man die Ausschreibungen abwarten und verfolgen müssen, was genau geplant ist.

Das sind zweifellos alles wichtige und richtige Vorhaben; inhaltlich werden hier die richtigen Weichen gestellt und die richtigen Themen auf die Tagesordnung gesetzt.
Leider aber sind die Programme alle aus berliner Perspektive konzipiert und bis in die letzte Fördervoraussetzung durchgeplant. Auch wenn über das Ziel Einvernehmen besteht, so kann doch der Weg zu diesem Ziel in Passau ein anderer sein als in Schwerin. Es wäre daher zu begrüßen und würde die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit dieser Vorhaben erheblich stärken, wenn Träger, Kommunen und Länder die Wege zu dem vom Bund gesetzten Ziel mitbestimmen könnten. Können sie aber nicht ... und so heißt es mitmachen oder sein-lassen; schade.
Gut gemeint, zweifellos - aber leider nicht gut gemacht!


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#2

RE: Wer hat noch einen Überblick über die Bundesprogramme?

in Fachpolitik 09.07.2015 17:52
von Detlef Diskowski • 27 Beiträge

Die Infos für die Fortsetzung des 4000-Sprachkita-Programms habe ich hier gefunden: http://www.fruehe-chancen.de/sprach-kitas/
und die Neuauflage der Förderung betrieblicher Kindertagesbetreuung ist auf dieser Seite beheimatet: http://www.erfolgsfaktor-familie.de/defa...?id=348&pid=866 (Allerdings bin ich skeptisch, dass die gelockerten Förderbedingungen ein betriebliches Engagement für die Kindertagesbetreuung ihrer Mitarbeiter erhöhen.)

Infos über die neuen Programme werden sich dann wohl hier einfinden: http://www.fruehe-chancen.de/


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#3

RE: Wer hat noch einen Überblick über die Bundesprogramme?

in Fachpolitik 10.07.2015 18:59
von Gerstein • 7 Beiträge

Hier ein lesenswerter Kommentar zur sogenannten 24-Stunden-Kita aus der Mainzer Zeitung

http://www.presseportal.de/pm/65597/3065072

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#4

RE: Wer hat noch einen Überblick über die Bundesprogramme?

in Fachpolitik 10.07.2015 19:26
von Detlef Diskowski • 27 Beiträge

Sehr gut, dass eine Debatte beruhigt wird, die schnell aufgeregt und plakativ wird. Diese platte Gleichsetzung von Öffnungs- und Betreuungszeiten findet man aber nicht nur in der uninformierten Öffentlichkeit, sondern zuweilen auch in der Fachszene
Wir haben in Brandenburg auch ein paar Kitas mit 24-Std-Öffnungszeiten und haben vor einigen Jahren mal ein Gutachten erstellen lassen, um Kriterien für einen kindeswohlsichernden Betrieb zu erhalten: http://www.mbjs.brandenburg.de/sixcms/de...thek&_rubrik=U*

Ich bin aus anderen Gründen aber skeptisch, ob 24-STd-Kitas die Antwort sind:
- Falls sich nicht in einem Gebiet solche Bedarfslagen ballen, wird es wenige solcher Kitas geben, die i.d.R. weit weg vom Wohnort der Kinder sind. Das ist nicht sehr wünschenswert.
- Wenn es sich nur um einzelne oder wenige Kinder handelt, die besondere Öffnungszeiten brauchen, ist es i.d.R. nicht sehr rentabel, dafür die Einrichtung insgesamt zu öffnen. Entweder sind die Kosten sehr hoch oder es geht zu Lasten der Personalausstattung im Regelbetrieb. Beides ist eher unerfreulich.

Mir scheinen hier personenbezogene, familiennahe Lösungen der besonderen Situation der Kinder besser zu entsprechen und sie sind auch leichter finanzierbar. Man kann das "ergänzende Tagespflege" nennen und ich bin eigentlich sicher, dass es genügend Menschen gibt, die für solcherart "Babysitterjob" geeignet und bereit wären.


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#5

RE: Wer hat noch einen Überblick über die Bundesprogramme?

in Fachpolitik 20.06.2016 20:13
von amaria • 10 Beiträge

Mir wären auch familiennahe Lösungen für die Eltern lieber, die wirklich Nachtdienst machen wollen. Nachdem unsere Gesellschaft es über Jahrzehnte nicht geschafft hat, für die soziale Arbeit in der Alten- und Krankenpflege erheblich bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen, sollen die 24-Stunden-Kitas nun wohl auch bewirken, dass in der Pflege tätige Eltern Nachtdienste übernehmen können - und dass der Druck auf sie zunimmt, keine Sonderregelungen - beispielsweise Teilzeit oder nur Tagdienst - in Anspruch zu nehmen. Auch Polizisten im Streifendienst verdienen wenig und sollen rund um die Uhr einsetzbar sein.

Angesichts viel zu kleiner Gruppenräume, zu wenig Personal und Kindergärten ohne Garten wünsche ich mir andere Bundesprogramme.

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#6

RE: Wer hat noch einen Überblick über die Bundesprogramme?

in Fachpolitik 25.07.2016 20:44
von Johanna • 2 Beiträge

"Das sind zweifellos alles wichtige und richtige Vorhaben; inhaltlich werden hier die richtigen Weichen gestellt und die richtigen Themen auf die Tagesordnung gesetzt."

Ich glaube nicht, dass Kinder dieses Vorhaben als "wichtig und richtig" betrachten. Von Eltern weiß ich sogar, dass sie 24-Stunden-Kitas mehr als skeptisch gegenüberstehen. Was für Arbeitgeber vorteilhaft sein mag und als "familienfreundlich" angepriesen wird, ist in Wirklichkeit ein Kniefall vor den Arbeitgebern.

Freundliche Grüße

Johanna

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#7

RE: Wer hat noch einen Überblick über die Bundesprogramme?

in Fachpolitik 26.09.2016 08:26
von Angelika Mauel • 19 Beiträge

Das sehe ich auch so.
"Damit können Kinder auch schon sehr früh oder bis zum Abend betreut werden, wenn der Job der Eltern es verlangt."
http://www.mdr.de/nachrichten/politik/re...a-plus-100.html
Das Kindeswohl verlangt nicht danach, morgens vorzeitig geweckt zu werden. Diese arbeitgeberfreundliche Errungenschaft ist eine Respektlosigkeit gegenüber Kindern, die noch schlafen wollen. Sie auch noch "KitaPlus" zu nennen, finde ich dreist und es wundert mich nicht, dass Eltern das "Angebot" kaum annehmen.

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#8

RE: Wer hat noch einen Überblick über die Bundesprogramme?

in Fachpolitik 29.09.2016 12:53
von Detlef Diskowski • 27 Beiträge

Ich denke, wir müssten etwas vorsichtiger und differenzierter bei der Bewertung sein. Gut kann ich mich noch erinnern, dass in manchen Ländern unserer Republik vor 15 Jahren die Erweiterung der Öffnungszeit von 7:00 bis 17:00 als kindeswohlgefährdend gebrandmarkt wurde. Zeiten, Bedarfe, Ansichten und Konzepte ändern sich .... und nicht alles wird schlecht!

"24-Std-Kita" bedeutet doch nicht, dass alle Kinder dieses Angebot in Anspruch nehmen sollen/dürfen/müssen oder dass Kinder dort 24 Std. betreut werden - sondern dass für manche Kinder eine Betreuungsmöglichkeit in diesem Zeitraum besteht. Wie die tatsächliche Bedarfslage überprüft wird; welche Betreuungszeiten tatsächlich möglich sind, um den Rhythmus der Kinder möglichst wenig zu beeinträchtigen; .... diese und viele weitere Fragen stellen sich, wenn man solche Vorhaben konkret anpackt. Da sind Pauschalurteile m.E. nicht angebracht.
Es ist auch zu einfach zu unterstellen, das wäre allein eine "arbeitgeberfreundliche Errungenschaft". Wenn jede/r von uns sich sein Leben anschaut und betrachtet, welche Dienstleistung, Unterhaltung, Fürsorge und Hilfe er/sie in Anspruch nimmt ...... Dürfen alle dort Tätigen keine Kinder haben; oder dürfen sie nur Tagdienste machen (und die Früh-, Spät- und Nachtdienste den anderen Kolleg*innen überlassen)?
Übrigens ist die 24-Std.-Kita nur EIN Aspekt von KitaPlus. Es geht insgesamt darum die Angebote und Bedarfe in den Blick zu nehmen, und da gibt es doch wohl unbestritten ein paar Verwerfungen, oder? Ich denke dabei z.B. an die gut 200.000 Kita-Kinder in Deutschland, deren Betreuungszeit mittags unterbrochen ist. Das lohnte doch auch einen kritischen Blick, für wen solche Betreuungszeiten gut und sinnvoll sind.

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#9

RE: Wer hat noch einen Überblick über die Bundesprogramme?

in Fachpolitik 03.10.2016 13:48
von Angelika Mauel • 19 Beiträge

Lieber Herr Diskowski,

natürlich weiß ich, dass Kinder in den 24-Stunden-Kitas nicht rund um die Uhr betreut werden dürfen und dass Eltern schon gar nicht gezwungen werden, ihre Kinder dort betreuen zu lassen. Ich bin nicht aus ideologischen Gründen wenig erbaut von dem Vorhaben, ausgerechnet 24-Stunden-Kitas finanziell zu fördern, sondern weil ich das Geld lieber anderweitig ausgegeben sehen würde. Ich habe auch nicht unterstellt, die 24-Stunden Kitas wären allein eine arbeitgeberfreundliche Errungenschaft, denn ich weiß, dass manche Eltern lieber nachts arbeiten und Kinder können sich auch sehr auf eine Übernachtung anderswo freuen. Allerdings meine ich (bei meiner ersten Anmeldung schrieb ich unter "amaria"), dass das Kindeswohl durch die Verbringung in eine 24-Stunden-Kita auf besonders gravierende Weise beeinträchtigt wird. Deshalb auch die Kritik "Diese arbeitgeberfreundliche Errungenschaft ist eine Respektlosigkeit gegenüber Kindern, die noch (aus)schlafen wollen." Selbstverständlich kann ich als Erzieherin nicht davon ausgehen, dass alle Kräfte, die in 24-Sunden-Kitas Nachtdienst haben werden, die Eltern auf der Schicht anrufen würden, falls ihr Kind partout nicht bleiben will. Das Thema "Partizipation der Kinder" nimmt in den Selbstdastellungen von Krippen und Kitas zunehmend mehr Raum ein, aber in der Praxis wird der natürliche Wille von Kindern immer wieder ignoriert werden. Schlimm auch, dass andere Kinder immer wieder die Verzweiflung eines schluchzenden, tobenden oder still leidenden Kindes mitbekommen werden. - Welches Bild werden diese Kinder sich machen? Wird es für sie "normal" sein, dass Kinder trotz eindeutiger Willensbekundung gezwungenermaßen in der 24-Stunden-Kita zu bleiben haben?

Die Skepsis der Eltern, die ihre Kinder über Nacht ungern außer Haus übernachten lassen, wird vermutlich dafür sorgen, dass es anlässlich der Übernachtungen der Kinder weniger unschöne Szenen geben wird als wir sie vor allem aus der Eingewöhnungszeit der unter Dreijährigen kennen. Aber das Grundproblem bleibt! Erwachsene reden zu gern von der Reizüberflutung durch die Medien (Schon die Kleinsten lieben Schalter und Handys). Die Reizüberflutung hingegen, der Kinder in der Eingewöhnungsphase von Neulingen in Krippen oder Kindergärten ausgesetzt sind, scheint mir Kinder ungleich härter zu belasten. Nicht umsonst neigen auch nach "Modellen" eingewöhnte Kleinkinder oftmals dazu, ihrer Mutter nach dem Kindergartentag auf Schritt und Tritt zu folgen. Kinder, die früher stillvergnügt in der elterlichen Wohnung spielen konnten, reagieren panisch, wenn ihre Mutter nur mal eben allein zur Toilette gehen will.

Übrigens lassen Beiträge und Privatnachrichten zahlreicher Erzieherinnen in den Fachforen erkennen, dass sie sich für ein eigenes Kind keine 45-Stunden-Betreuung ersehnen und dass sie gegenüber einem langen Verbleib von Kleinkindern in der Kita durchaus Bedenken haben. Mir haben sogar schon junge Erzieherinnen lachend erzählt, dass sie als kleine Protestnote mittags in der Vollzeitbetreuung mit Kindern das Lied von der lieben Mutti gesungen haben, die die Kinder pünktlich zum Mittagsgeläut abholt und ein leckeres Essen gekocht hat. Ein Vorteil der für berufstätige Eltern unvorteilhaften Mittagspause eines Kindergartens ist es, dass Eltern überforderter Kinder unmittelbar mitbekommen, wie geschafft ihr Kind nach einem halben Kindergartentag sein kann. Der lange Mittagsschalf im eigenen Bett war übrigens früher auch mit ein Grund dafür, warum nachmittags bemerkenswert wenig Kindergartenneulinge in der Gruppe zu betreuen waren.

Ich vermisse angesichts vieler Fachausdrücke, die neu geschaffen wurden, einen, der heute tabu ist: Man spicht gar nicht mehr von "Kindergartenreife".


zuletzt bearbeitet 03.10.2016 13:57 | nach oben springen


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